Momente, die einen alt aussehen lassen

Einmal muss es ja gesagt werden, es gibt Situationen, in denen fühlt man sich „alt“, man wird von anderen Menschen alt gemacht, völlig überraschend, ohne Vorwarnung – eben noch jung und frisch, ist es vorbei mit derJugend – das Alter drückt unvermittelt. Es ist meine feste Überzeugung, ich weiß es, dass ich kein bedauerliches Einzelschicksal bin, wenn ich einzelne Augenblicke als deprimierende Alt-Mach-Momente erlebe und erschüttert zurückbleibe.

Ich rede jetzt nicht von der ersten Schultüte oder dem ersten „Sie“ durch den Lehrer in der Oberstufe – das macht „erwachsen“, aber das da macht „alt“:

Das erste Sie

Immer noch schmerzt die Erinnerung an den Augenblick, als ich mit Mitte 20 durch meine Wohnviertel zu Fuß unterwegs war (vermutlich zur Bahn). Hier war ich zu Hause, ganz normal als Fußgängerin, und ich wurde von einem Kind angesprochen: „Können Sie mir bitte sagen, wie spät es ist?“ Wie bitte?  Was war das denn? Was soll das?

Ich empörte mich nicht darüber, dass ich aussah, als hätte ich eine Armbanduhr (hatte ich nämlich nicht, die neue Uhr – das 10 Jahre alte Konfimationsgeschenk – war inzwischen defekt..). Oder weil ich in meinen Gedanken gestört wurde, oder weil – was weiß ich! Nein, völlig belämmert blieb ich zurück, weil mich ein Kind mit Sie ansprach!

War ich so alt, dass mich die heranwachsende Generation schon mit Distanz beäugte und respektvoll mit Sie ansprach? Ja, so war es wohl, ich war alt und fühlte mich nur noch müde…..

Noch mit Mitte 30 kam ich mit Sie und Du durcheinander, wie diese Szene beim Frisör beweist. Ich wurde von der neuen, jungen Frisörin begrüßt: „Hallo, ich bin die Vera.“ Ich: „Hallo, ich bin die Uschi.“ Diesmal hat sie halb belämmert, halb belustigt gekuckt. Ich hatte ehrlich vergessen, dass Frisörinnen sich immer mit dem Vornamen ansprechen lassen (wie im übrigen auch Krankenschwestern), dass aber die Kundschaft natürlich respektvoll mit vollem Nachnamen angesprochen wird und sich auch mit solch einem vorzustellen hat.

Das Sitzplatzangebot

Ach herrje, es wird eng. Man stelle sich vor: Eine überfüllte Bahn, viele, viele Menschen, die sich am frühen Abend auf den Weg in die Innenstadt machen, um im quirligen Citytrubel einen lauen Sommerabend zu verbringen. Es ist massenweise Jungvolk aus dem Umland dabei. Meine gleichaltrige Freundin und ich quetschen uns mit der Menge Wartender in die Straßenbahn, die Freundin kämpft sich bis zum Fahrkartenautomat vor, um uns vor der Ordnungswidrigkeit des Schwarzfahrens zu bewahren. Ich warte stehend, verkrampft eine Handschlaufe am allerobersten Ende des rechten Armes (die Schlaufen hängen immer zu hoch für mittelgroße Frauen), wackele bei jeder Anfahrt und bei jedem Bremsen der Bahn in meiner Handschlaufe wie ein Medizinball am Pendel hin und her….

Nach einigen Minuten und zwei Stationen später kommt die Freundin mit 2 Fahrkarten und zerknittertem Gesichtsausdruck zu mir in den hinteren Teil des Wagens, schnappt sich eine Handschlaufe, wackelt beim Anfahren der Bahn und raunt mir in der Enge zu: „Da hat mir einer einen Sitzplatz angeboten!..?“ „Dir?“ (die Red.: Der Gleichaltrigen?!) „Mir?!“ „Wer?“ Anklagend auf einen ca. 20 jährigen Studenten zeigend: „Der!“

Wir waren beide sehr plötzlich sehr alt und sehr müde.

Werbeanzeigen

Nun, wir wissen ja, dass Google, Facebook u.a. persönlichkeitsbezogene Werbung platzieren, sofern man sich auf ihren Seiten bewegt. Gleiches gilt wohl auch für  Werbung, die auf Homepages von Zeitungen und Magazinen angezeigt wird.

Es ist immer erstaunlich, dass – egal auf welcher Seite man surft – der Stuhl, das TV-Board, das Reiseziel angezeigt wird, das man doch in einem ganz anderen Portal angeschaut hat.

Vor einem Jahr habe ich also einmal überprüft, für wen google mich eigentlich hält.  Das kann man leicht rauskriegen. Einfach „Für wen hält google mich“ googeln, und es tauchen einige Links auf, denen man folgen kann. Bei mir kam dabei heraus:  ca. 45 Jahre alt, männlich mit Werbeschwerpunkt „Baumarkt“ – ich vermute, weil ich gerade einen kleinen Laubbläser für unsere Terasse geordert hatte (dazu an andere Stelle mehr). Damit konnte ich gut leben; ich hatte mich an Angebote für Rasenmäher, Werkzeugkoffer, Swimmingpools gewöhnt, neben den Kochbüchern und Reiseberichten u.a.  hat das nicht weiter gestört.

Vor zwei Wochen aber das Ende – zuerst nur am Rande nahm ich auf 2-3 Homepages eine neue Kategorie der Werbung wahr, ich hab darüber hinweg gesehen… dann wieder ignorieren und nochmal wegkucken, ein paar Tage lang.
An Möbelangebote hatte ich mich gewöhnt, dieser Stuhl jedoch war anders: Oh!!mein!!Gott!!!! Ein Stuhl auf einer Treppe, kein Treppenwitz, ein Treppenlift wurde mir angeboten. Wegschauen ging nicht mehr.  Drauf klicken war strengstens untersagt.  Wie konnte das passieren?

Ich habe nur eine Erklärung –  so ein Blog mit 55 plus im Titel kann schmerzen, die Folgen hatte ich nicht bedacht:

Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich mit schlohweißen Haaren im sittsamen schwarzen Rock und im weißen Spitzenblüschen mit einer weißen Kunstlederhandtasche auf dem Schoß auf einem Treppenlift sitzen. Es fehlt nur noch die freundliche Pflegekraft, die meine Treppenfahrt wohlwollend beobachtet.

Das macht richtig alt und verdammt müde.

Nein danke, da ich nehm lieber den Aufzug.

Google hält mich übrigens mittlerweile für über 55 mit neuem Werbeschwerpunkt Computer, immer noch männlich, die Treppenlifte sind aufgrund meiner konsequenten Klick-Abstinenz wieder verschwunden – na, geht doch.

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