In allen vier Ecken – des Poesiealbums

Als ich neulich im Keller nach den Frühlingssachen kramte, fand ich mein ganz, ganz altes Poesiealbum aus (wie ich dachte) längst vergessenen Zeiten. Den Herren der Schöpfung wird dies nicht so viel sagen, war dies doch ausschließlich für die Meedels bedeutend, die Jungs hatten damit nichts am Hut.

Die einstigen Mädchen aber werden sich erinnern. Denn:

Alle hatten so ein Poesiealbum. Sämtliche mehr oder weniger guten Freundinnen, Schulkameradinnen und die Erwachsenen im Umfeld (vor allem LehrerInnen und Omas) wurden vom kindlichen Eifer genötigt, in Schönschrift irgendwelche Lebensweisheiten in das wohl gehütete Bändchen einzutragen, gerne garniert mit farbenfrohen oder künstlerischen Verzierungen oder seltenen Glanzbildchen (am liebsten mit Glitzer).

So entstand ein Schatz der Erinnerungen an Menschen, denen man im Alter von – sagen wir mal – sieben bis elf begegnete.

Wehe dem, der seinen Eintrag nach zwei Wochen noch nicht erledigt hatte. Vor allem LehrerInnen hatten es hier schwer, da das Poesiealbum wie eine Mode durch ganze Schuljahrgänge schoss, so dass die Alben gleich mehrfach von den Meedels überreicht wurden.

Mitunter gerieten Freundschaften in Gefahr, wenn Rechtschreibfehler oder dilettantische Korrekturen eine Seite verunstalteten. Nicht alle hatten in jungen Jahren eine wirklich schöne und perfekte Schrift, Tintenkiller gab es natürlich noch nicht. Unerbittlich war das Kindesurteil dennoch in einem: Wehe dem, der es wagte, ein Blatt ‚raus zu reißen, um vermeindlich misslungene Beiträge heimlich zu entfernen. Dann war es aus! Etliche Warnhinweise, das Herausreißen von Seiten zu unterlassen, gab es oft in den kursierenden Exemplaren – meist wurden sie beherzigt.

Denn man gab sich Mühe:

So gab es die Künstlerinnen  unter den Eintragenden: Diese Mädchen fühlten sich geehrt, eine Seite im Büchlein der Freundin gestalten zu dürfen und gaben sich größte Mühe mit Illustrationen, Zeichnungen und künstlerischen Ornamenten und Blümchen. Der Text war nicht unbedingt kindgerecht oder eine Entsprechung zum Gemalten, aber mit Mühe und Sorgfalt eingebunden.

Meine Reaktion beim Blättern durch meinen einstigen Schatz wechselte angesichts der Sinnsprüche und poetischen Beiträge zwischen bassem Erstaunen und belustigter Kenntnisnahme: Bemerkenswert, was damals der kindlichen Seele alles an Weisheiten zugemutet und angetan wurde oder auch womit das wachsende Gemüt an den Humor heran geführt werden sollte. Die Düsteren, die Mahnenden, die Frommen, die Lyrischen, die Ernsten, die Braven und Gott sei Dank auch die Lustigen – sie alle haben ihre Spuren in meinem Poesiealbum hinterlassen. Man denke daran, gerichtet sind die Worte sämtlich an ein Kind mit sieben bis zehn Jahren. Manche Weisheiten versteh ich heute noch nicht, andere seh‘ ich heut wie damals gar nicht ein, hinter manchem Rat wie dem selbst formulierten Hinweis auf die Gleichheit aller Rassen eines damals jungen, aber fast erwachsenen 68igers steh ich heute noch…. (gut, seine Illustration hätte bunter oder einfach nur vorhanden sein können).

Alles in allem ein schöner Blick in die jungen Jahre –  kuckt doch mal in Euren Keller, ob Ihr nicht auch ein solches Fundstück über die diversen Umzüge gerettet habt….. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich mich trotz aller Bemühungen der Schreiber nicht mehr an jeden dahinter stehen Menschen erinnern kann – es lohnt sich!

Einfach in die Galerie klicken:

3 Kommentare zu „In allen vier Ecken – des Poesiealbums“

  1. Ach ja, das schöne alte Poesiealbum. Welch schöne Erinnerung. Ich werde wieder einmal in meines reischauen, danke für den Gedankenschubser …….

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