Zwischen Kürbis und Weckmann

Ein Plädoyer für Sankt Martin

In diesen Tagen streiten sich viele darüber, ob es denn statthaft sei, in „Good Old Germany“ Halloween zu feiern?! Wir haben ja schließlich Sankt Martin!

An diesem Streit will ich mich nicht beteiligen, nein, bitte nicht! Aber ein kleines Plädoyer für das Fest des Sankt Martin darf es schon sein, denn in der Kindheitserinnerung der „Old Generation 55+“ hatte dieses Fest – zumindest im rheinisch-katholischen Köln – einen hohen Event-Charakter, mit wochenlangen Vorbereitungen:

Lieder und Laternen

In der Schule wurde alle Martins-Lieder auswendig gelernt, zu Hause wurden sie geübt, alle Strophen, inkl. des langen „Sankt Maaaartin, Sankt Maaaartin-Liedes“.

Die Mutter musste in den vorbereitenden Wochen Camembert kaufen, auch wenn keiner in der Familie das wirklich mochte! Camembert? Ja, einen großen! Denn aus dem runden Boden der Camembert-Schachtel entstand später der Boden der runden, selbst gebastelten Laterne – schwupps, mit schwarzem Zeichenkarton Figuren, Sterne o.ä. ausgeschnitten, mit buntem Transparentpapier hinterlegt, im Rund auf den Camebertschachtelboden geklebt, war das Laternchen (unter Anleitung, versteht sich) fertig! Die großen Jungs (so ab 10-12 Jahre) hatten es einfacher, die durften eine Fackel tragen, garantiert nicht selbst gebastelt. In das Laternchen kam eine Kerze, jawohl, nix Leuchtstab mit Batterie, nein, eine ordentliche Weihnachtsbaumkerze (Ersatz war immer dabei, und das Kind dürfte Streichhölzer dabei haben).

Dann kam „Sankt Martin“. In unserem Stadtteil war das nicht nur der 11.11., nein, das waren ca. 3-4 Tage, an denen im eigenen und dem angrenzenden Viertel von den Kindergärten und Grundschulen der St-Martins-Zug loszog. Natürlich auf mehrere Tage verteilt, das lag an der Ausstattung der Züge, denn die Kapazitäten der Polizei waren begrenzt (die das menschliche und tierische Personal stellte).

Der Zug

Vorne eine leidlich taktangebende begleitende Kapelle (zuweilen halloween-verdächtig schaurig mit Trompete und Pauke). Dahinter bestens organisiert die Schulklassen, in Zweierreihen unterwegs, laut mitsingend – wir hatten schließlich geübt!

Mittendrin Sankt Martin, stolz  mit rotem Umhang, blitzendem Schwert und silbernem Helm auf dem hohen, soeben aus dem Himmel gestiegenen Ross (nie ein Esel, manches Mal ein dürrer Vertreter seiner Art, Farbe egal, nur selten ein Schimmel, und einmal war wohl wegen des plötzlichen Todes des Pferdes Sankt Martin zu Fuß unterwegs, oooooh, eine Schmach für die ganze Schule!). Als Eskorte wurde Martin von den Jungs mit den Fackeln begleitet.

Hinter den Schulklassen der Grundschule dann alle möglichen Eltern mit Kinderwagen, die sangen zu wenig, die hatten fast nur Leuchtstäbe für ihre Babies und schwatzten zu laut. Der Zug schlängelte sich durch das Viertel, vorneweg 1 Polizist (in Worten: einer!), der den Verkehr stoppte. Auf vielen Fensterbänken schmückten Lichter (meist kleine rote Kerzen, wir kennen sie als Grablichter) zu Ehren des Sankt Martin den Zugweg.  Toll! Ich mittendrin, laut trällernd, alle Strophen, und sehr, sehr auf meine Laterne bedacht. Denn nicht selten ging eine der Lampen bei einem Windstoß oder einer ungeschickten Bewegung in Flammen auf – das Geheule war natürlich groß. Im nächsten Jahr sah man diese Kinder mit dem entwürdigenden Batterieleuchtstab und der gekauften Mond-Laterne. Auch ein Trauma!

Der Zug endete an einem großen Platz (Spielplatz, Schulhof, Parkareal), dort wartete das Martinsfeuer, es fand meist eine Martinsgansverlosung statt, die Lose wurden in den Wochen vorher von den Kindern unters Volk gebracht, noch 2-3 Liedchen, Sankt Martin sprach zu uns, und dann? Ging die Party erst richtig los!

Das Singen

Dem fieberten alle entgegen, egal, ob katholisch (es wird schließlich ein katholischer Heiliger wegen seiner Wohltätigkeit geehrt) oder evangelisch, heidnisch oder was auch immer (allerdings hatte wir noch nicht diese Vielfalt wie heute, gebe ich zu). Und ich als protestantisch Getaufte mittendrin.

Nach dem offiziellen Zug zogen wir weiter. Das waren nun die Kinder aus der Straße des Viertels, 6-10 Exemplare unterschiedlichen Alters (ca. 6-11 Jahre alt, jünger nicht, sonst hätten die Eltern dabei sein wollen, die mussten aber zu Haus bleiben), so viele kamen ohne Probleme in den geburtenstarken Jahrgängen zusammen. Der Tross traf sich also an besagten Tagen, es musste schon dunkel sein (Kunststück Mitte November, also ca. 17 Uhr). Dann ging es erstmal in die nahen Geschäfte, die waren ja nur bis 18:30 geöffnet, wir mussten uns ranhalten (ja, es gab Ladenöffnungszeiten). In jedem Laden aufgebaut, zuerst zögerlich, mit größerer Routine in späteren Jahren sehr bestimmt losgeträllert, 1-2 Lieder, nicht alle Strophen, Tüte auf, und rein mit den Süßigkeiten!

Und der nächste Laden, u.s.w… Dann in die Wohnhäuser der umliegenden Straßen, der Radius war nicht sehr groß, ein bis zwei Straßen von der elterlichen  Wohnung entfernt, maximal….

In der Nachbarschaft wiederholten sich die Szenen Jahr für Jahr: Es gab die Nachbarn, die betätigten schon den Türdrücker,  da hatten wir noch nicht geklingelt. Das Liedchen wurde gesungen, und schon entschwanden sie in die Wohnung und kamen mit reichlichen Leckereien wieder, alles gerecht in die Tüten der Kinder verteilt. Da gab es die Obstlieferanten (hm, Äpfel hatte ich auch zu Hause), die Vergesslichen, die hatten keine Süßigkeiten im Haus, gaben aber jedem Kind etwas Kleingeld (bei silberigem ab 50 Pfennig war natürlich alles bestens), und dann gab es die, die immer zu Haus, aber an Sankt Martin nie da waren. Licht aus, Tür zu. Draußen werden sie unsere Proteste „Kniesköpp, Kniesköpp!“ („Geizhälse!“) gehört haben.

Die Süßwarenzentrale

Als meine Freunde und ich nicht mehr zu den Jüngsten gehörten, dürften wir auch mehr als einen Straßenzug weiter, es war die über-, über-, übernächste Straße, eigentlich nicht unser Revier. Da gingen an Sankt Martin tagelang die Lichter an, und erst spät aus. Das war die Zentrale eines damals mittelständigen Süßwarenherstellers (ich darf ihn nennen: Er hieß Hitschler), hauptsächlich Kaubonbons, Wein- oder Fruchtgummi. Es kam zu wahnsinnigen Szenen wie Jahrzehnte später an Halloween: Alle Kinder der umliegenden Viertel (Einzugsgebiet waren  mehrere Schulen!) versammelten sich an den Martins-Tagen dort vor den Türen der Zentrale, und sangen:

Ich gehe mit meiner Laterne und D´r hillije Sinta Määtes (= Kölsches St. Martins-Lied.. das beliebteste) in Endlosschleife. Dann Lichter im Haus an, Türen auf, und mehrere Angestellte kamen ‚raus, nochmals: Ich gehe mit meiner Laterne und Dr hillije Sinta Määtes … Mein Licht geht aus, wir gehen nach Haus und Lasst uns nicht so lange stehen,  denn wir kriegen kalte Zehn, kaaalte Zeeeehn….. Dann endlich kamen sie, die Angestellten, und verteilten eimerweise (ungelogen) die Leckereien aus eigener Herstellung in die Beutel, die wir ihnen über den niedrigen Zaun entgegen hielten. Tagelang!

Das hatte Stil, das war Sankt-Martin-Zelebrieren im Rheinland. Danke, dass ich das erleben dürfte! Radengel radengel rabummm, bummm bumm!

Sankt Martin damals und heute

Warum schreibe ich das alles in der Vergangenheitsform?

Es lässt nach. Ja, es gibt noch Umzüge, die Kinder sehe ich mit den Batteriestäben und gekauften Laternen in der Hand, auch habe ich schon Lose für die Martinsgans gekauft. In manchen Jahren hatte ich zu Hause süße Vorräte beschafft und auf singende Kinderlein gewartet: Nix, die gingen nur in die Geschäfte oder in die Kneipen (da gab es Limo oder Bargeld von den Thekenstehern).

Vor einem Jahr kam tatsächlich ein (neues) Nachbarskind, unvollständig bemalt und nuschelte etwas…? Süßes oder Saures? Ah, verstehe…. ich hatte eine Tüte Chips da, Gott sei Dank, sonst wäre ich noch unter die Obstlieferanten gegangen.

Jo, so ist das nun…. aber letztlich möge jeder am einen und am anderen seinen Spaß haben….. sonst:

Süßes oder Saures!

4 Kommentare zu „Zwischen Kürbis und Weckmann“

  1. ja, so kenne ich St Martin auch. Meine Kinder haben dann in Köln beides gefeiert Halloween, das wir nicht kannten, und St Martin. Das machte Tüten voll Kamelle, die bis Weihnachten reichten.
    Seit 10 Jahren lebe ich jetzt an der Leine und vermisse hier die St Martin – Tradition. Dafür freue ich mich an der Verkleidungslust und dem Gruselspaß zu Halloween hier bei den Menschen, die Karneval nicht feiern können 😉

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  2. Hachja, an den Sankt Martins Laternenspaziergang kann ich mich auch noch erinnern. Mit den Kids gehen wir auch dieses Jahr wieder mit den anderen Kids aus der KiGa rum und singen fließig die Lieder. Aber auch auf Halloween freuen sich die Kleinen schon. Übrigens, das Sankt Martin Lied gefällt mir immer auch noch am besten, danach folgt „Sonne, Mond und Sterne“

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    1. Tja, wenn die lieben Kleinen das Halloween schön finden, warum nicht…. wir haben in Köln am liebsten „Dä Hillije Zinter Määtes“ gesungen, unschwer erkennbar ein Kölsches St. Martinslied, vor allem, wenn wir mit unseren Laternen um die Häuser zogen und am Schluss sangen „Lasst uns nicht so lange stehen, denn wir kriegen kalte Zeh`n, kalte Zeeeh`n“ Immer wieder schön, aber jetzt haben wir ja erst mal Sommer, ne.

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